Neues zu Respekt und Selbstrespekt

Kürzlich hat sich eine Doktorandin in ihrer Dissertation um den Nachweis bemüht, das so genannte Dummdeutsch sei nicht allein in der soziodemografischen Nische Kietz zu verorten, sondern habe sich längst in die Mittelschicht aufgemacht und mithin den alten Wall zwischen elaboriertem und restringiertem Sprachcode, welcher traditionell der Ober- bzw. Unterschicht zugeordnet wird, eingerissen. Gemeint sind zum Beispiel in erster Linie Satzkonstruktionen, bei denen auf Artikel verzichtet und Reihenfolge von Wörtern in Satz so gemacht weil schnell sprechen und jeder verstehen kann das.

Lustig, oder? Ich glaube nicht. Am Verfall des Respekts vor der Sprache und ihrem Gebrauch erkennen wir wie bei der Benutzung des Barometers zur Bestimmung des Luftdrucks die Wetterlage in der Gesellschaft – der privaten und der beruflichen. „Schön dass gekommen alle in Kirche heute zu Gottesdienst.“ Oder: „Du bringst Kinder Schule, ich geh Arbeit.“ Wahr ist, nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund sprechen heute so. Es ist uns ja nicht nur der Respekt vor der Sprache verloren gegangen (ein Fernsehabend genügt, um das zu beweisen), sondern eben auch vor unserem Nächsten, unseren Freunden, Partnern, Ehepartner, Verwandten und Bekannten. Die Arbeitswelt werkelt fast nur in einem „Operativer Nutzen-Modus“; wenn die Erträge stimmen und die Planziele erreicht sind … sind dann alle zufrieden? Manch einer nicht.

Der Respekt anderen gegenüber ist ein guter Wert, um die innere Haltung, die hinter jedem sichtbaren Verhalten steckt außen zu identifizieren. Natürlich ist es unangemessen, den Bundespräsidenten mit „Herr Gauck“ anzusprechen (Bettina Schausten) oder die Bundeskanzlerin mit „Frau Merkel“, wie Schülerinnen und Schüler während einer CDU-Wahlveranstaltung – selbst ihren akademischen Titel lässt man der Kanzlerin selten. Sie wehrt sich auch nicht gegen „Mutti“, und schon sind wir alle eine große deutsche Familie?

Besonders dort, wo besondere Nähe eine Gemeinschaft prägt, nämlich in der Familie, langen wir zu als sei der Andere erlaubter als jedes andere Nichtfamilienmitglied eine Person, der wir immer wieder den Respekt entziehen dürfen – und das offenbar folgenlos. Was bekanntlich ein Irrtum ist, wie unzählige Trennungen oder Scheidungen beweisen. In der intimsten Beziehung scheint jede Art von Respektlosigkeit eine erlaubte Form der Kommunikation zu sein – leider oft auch zwischen Eltern und Kindern. Dabei wäre in dieser Schutzgemeinschaft Familie eben Schutz – nicht Krieg – einer der sinnvollsten und heiligsten gelebten Werte.

Haben wir nur vor dem Fremden Respekt, weil wir nicht einschätzen können, ob der einen Revolver in der Hosentasche trägt? Oder können wir nicht anders als Intimität als Einladung zur Projektion unserer eigenen Aggressivität auf den anderen aufzufassen? Schreien wir unsere Kinder an, wenn ihnen etwas nicht auf Anhieb gelingt, weil sie uns unsere eigene Unfähigkeit spiegeln? Und denken wir über unseren Vorgesetzten, dass er unfähig ist, weil wir selbst keinen Weg finden, uns intelligenter zu verhalten? Ist unser mangelnder Selbstrespekt die Ursache für unsere anwachsende Respektlosigkeit?

Da – immerhin – ist ein Restunterschied: über unseren Vorgesetzen haben wir einen Flies des Respekts ausgebreitet – er auch über uns, falls es sich um einen guten Vorgesetzten handelt. Man bleibt freundlich, sogar noch in der Stunde, in der die Kündigung ausgesprochen wird.

Hierarchische Räume werden schnell mit respektvollen Räumen verwechselt. Zuhause sind wir noch immer die (durch Wolfgang Menge berühmt gewordene) Familie Tetzlaff: irgendwie ekelig, rechthaberisch, gnadenlos; alles, um eine Hierarchie zu erzwingen, die, käme sie zustande, das Ende jeder Liebe wäre.

Lustig, oder? Ich glaube nicht. Das Auseinanderdriften der Gesellschaft (die Schere; von Peer Steinbrück auch „Fliehkräfte“ genannt und nun als Begriff leider mit ihm aus der Öffentlichkeit verschwunden) wird sich auch daran verdeutlichen, dass der Unterschied der Schichten sich an der Fähigkeit zum Respekt zeigen wird. Es gibt ja ein ähnliches Wort, bei dem die Augenbrauen nach oben gehen, wenn es zu vernehmen ist: „Achtung“. Die Achtung vor dem Anderen, vor seiner Würde als Mensch und – ja, eben auch als Mitarbeiter – wird von guten Führungskräften stets gewahrt. Nur die schlechten Chefs setzen auf Gehorsam – militär- und staatstragende Dienstleistungen sind ggf. auszunehmen – sind pöbelig und spielen das alte Spiel „Oben sticht unten“. Das war in der deutschen Wirtschaft schon Ende des letzten Jahrhunderts ohne wirkliche Gewinnchance.

Mein Fazit ist simpel: Bemühen wir uns doch darum, in den Unternehmen freundlich und respektvoll miteinander umzugehen. Wie Zuhause. Bemühen wir uns doch darum, Zuhause freundlich und respektvoll miteinander umzugehen. Wie in den Unternehmen. Man muss sich das mal vorstellen, Sigmar Gabriel ist eines fernen Tages vielleicht Bundeskanzler. Und die Genossen plakatieren vor den Wahlen: „Vati kommt.“ Lustig, oder? Ich glaube nicht. Sagen wir doch zu Herrn Gauck besser „Herr Bundespräsident“ und zu Frau Dr. Merkel „Frau Bundeskanzlerin“. Dann wird der kleine Karl zu seiner Mutter wieder „Mama“ sagen, nicht Antje. Und zu seinem Vater vielleicht „Papi“, nicht Karl-Heinz. Und wir brauchten dann nicht jemanden wie „die Mutti“, auch nicht „Mutti“. Gott, wäre das schön.

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