Neues zum Thema Kultur, Leitbild und Narzissmus

Vor ein paar Jahren geisterte der Begriff „Deutsche Leitkultur“ durch die Politik, sogar durch die gehobene Presse – und entfesselte außer bei seinen „Erfindern“ wenig Begeisterung. Nachdem er den einen oder anderen  Parteitag verunziert und zu Ungunsten tatsächlich relevanter Themen verschoben hat verschwand er aus der Öffentlichkeit – man könnte froh sein, wenn es so wäre – im Nichts.

In den Unternehmen wuchsen die Themen „Kultur“ und „Leitbild“ gewollt oder selbstlaufend als Lieblingskind all derer weiter, die mehr vom Menschsein verstehen als die Mathematik der Betriebswirtschaft. Kulturmanagement-Beauftragte – nicht selten mit den Schulterklappen eines Direktors oder zumindest eines Bereichsleiters bestückt – schreiben (oder lassen schreiben) Unternehmensleitbilder, an denen sich die Führung, die Mitarbeiter und auch die Kunden des Unternehmens orientieren sollen; zumindest könnten. Längst werden zusätzliche Kulturveranstaltungen derselben Firma mit personellen und finanziellen Ressourcen ausgestattet, die weit über dem Budget der jährlichen Weihnachtsfeier liegen, von Personalkosten zusätzlich notweniger Mitarbeiter abgesehen. Oder?

Ist das so? Wie erlebt ein externer Berater und Coach die Themen Kultur, Leitbilder und Unternehmensleitbild, und was hat das mit dem Thema Narzissmus zu tun?

Zuerst zu den Begriffen „Narzissmuss“ und „Kultur“. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Narzissten nur sich selbst lieben. Sie lieben niemanden, sich selbst auch nicht. Die Ursache für die Abwesenheit von gesunder Selbstliebe („Immer in der Mitte bleiben“, sagt der Buddha) liegt in einem Zuviel oder im Zuwenig von Zuwendung und Aufmerksamkeit (Liebe) in der frühen Kindheit. Ja, eben beides ist möglich, und nicht immer ist leicht zu erkennen, ob es von dem einen oder dem anderen zu viel oder zu wenig gab.

Therapien sind schwierig (welcher Narzisst geht schon zum Therapeuten; der ist ja doch zu dumm, IHN zu verstehen), nicht selten erfolglos, und manche Fälle sind wohl als unheilbar zu verorten. Jedenfalls sind die wirklich ausgebufften Narzissten an zu wenig Empathie, zu viel Selbstzentriertheit (Ich, Ich, Ich), einer hohen Verletzbarkeit und besonders in der fast gebetsmühlenartigen Entwertung anderer Menschen zu identifizieren. Sie sind nicht selten charmant, meistens intelligent, in der Regel beratungsresistent und – um des Pudels Kern zu benennen – oft in hohen Führungspositionen anzutreffen. Abgesehen davon, dass aus Sicht des Narzissten immer der andere (Mitarbeiter) der Loser, das Weichei, der Schuldige und der Dumme ist, weiß der Narzisst nichts vom anderen, weil es den gar nicht gibt, bestenfalls gibt es ihn als Stichwortgeber. Es sei noch einmal erwähnt: sechzig Prozent der Mitarbeiter verlassen ihre Firma, weil sie mit ihrer Führungskraft nicht auskommen; womit nicht gesagt sein soll, dass die Wechsler alle einen narzisstischen Chef oder eine narzisstische Chefin hatten.

Jetzt die „Kultur“. Die ist nach weitgehend kulturwissenschaftlichem Konsens so etwas wie die Antithese zur Natur, mithin etwas Gemachtes, Hergestelltes, Erarbeitetes. (Man gerät sofort ins Schleudern, wenn man bedenkt, dass auch Tiere zum Beispiel Häuser und Dämme bauen. Aber lassen wir das.) Gewissheit dürfe darüber bestehen, dass bei aller Unschärfe Kultur etwas mit Kommunikation, Zielen, Werten und eben Leitbildern zu tun hat. Die Unternehmenskultur wird von einigen oder mehreren und sogar vielen für andere und auch für ihre Erfinder und Entwickler selbst gemacht. Damit das Unternehmen nicht nur wirtschaftlich wächst und gedeiht, sondern eine vorzeigbare und nachhaltig bleibende Heimat wird. Da ist er nun, der Zusammenhang: meine Kultur ist die, in der ich Heimat spüre. Und wem das zu dick ist, der kann sagen: Meine Kultur ist die Summe der Erscheinungsformen, mit der ich mich geistig identifizieren kann. Kann es das geben: meine Kultur? Oder ist nicht Kultur stets ein Wir?

Meine Firma ist mein Zuhause? Um das zu verifizieren, um es dingfest zu machen, um es besprechen und bewerten zu können werden Leitbilder formuliert und fixiert. Und nicht selten wird um sie gerungen wie um den Inhalt von Fort Knox. Das ist verständlich, wenn man weiß, um was es geht. Man nennt es die Zukunftsfähigkeit der Firma. Oder des Direktionsbereichs. Oder der Abteilung. Oder des Teams, der Gruppe, der Freundschaft, des Ehepaares. Werte steuern unseren Fortschritt, der selbst wieder Werte evoziert oder vernichtet. „Respekt“ zum Beispiel ist in Deutschland fast zum Unwort geworden, was an unserer Geschichte liegen mag. Verschwände er ganz, wäre kein Unternehmen mehr zu führen.

Und die „Narzissten“? Sie verdienen unser ganzes Mitgefühl, denn deren Einsamkeit dürfte eine dauerhaft ekelige Erfahrung sein. Aber sie sind im Kommen, besetzen die Chefetagen und steuern die Prozesse mittels Zahlen und Selbstzentiertheit. Ihr Bundesgenosse ist der eigene Nabel, der sich mitnichten um jenes Unternehmensleitbild kümmert, das er nicht selten selbst bestellt hat. Sie sind außerhalb der Norm, außerhalb des Zugriffs, der Kritik und der Kontrolle. Sie tyrannisieren andere mit dem Argument, dass nur die Firma zählt (in der dann vermutlich keine Menschen mehr arbeiten). Narzisstische Partner oder Vorgesetzte spüren nie das Leid, das sie anderen zufügen, weil es den anderen ja nicht gibt. Ihnen genügt ihre eigene Überempfindlichkeit. „Was du nicht willst, das man dir tu, das füge keinem anderen zu“ klagen sie ein. Der Umkehrschluss ist ihnen nicht möglich. Sie empfinden wenig Dankbarkeit, rühmen sich mit den Leistungen anderer – und machen den Wettbewerber zu einem seelenlosen Kriegsgegner, der vernichtet werden muss. Fairer Wettbewerb ist etwas für dumme Sozialromantiker.

Manche Theoretiker sagen, die Wurzel des Faschismus sei der Narzissmus. Aber damit beschäftigt sich dieser Artikel nicht. Er beschäftigt sich mit dem Thema, dass die obersten Führungskräfte den Mut haben sollten, der narzisstischen Führungskraft unter ihnen die Alternative „Therapie und Coaching“ oder „raus mit Ihnen“ anzudienen. Wenn das nicht gelingt sind alle kulturgetriebenen Leitbildentwicklungen zu teuer, weil überflüssig. Es kann nicht sein, dass ein grenzwahnsinniger Bereichsleiter unter Duldung seines Direktors ein paar Dutzend Leute tyrannisiert. Aber es ist weit und breit nicht zu sehen, dass hier eine Kurskorrektur erfolgt. Und noch einmal: die Narzissten sind im Vormarsch. „Narzissmus breitet sich immer mehr aus“, sagt der Psychiater Reinhard Haller (61). Grund: Die zunehmende Ego-Gesellschaft bestärke viele Narzissten darin, ihr Ding durchziehen – ohne Rücksicht auf Verluste (zit. nach Reinhard Haller: Die Narzissmusfalle).

Dass Narzissmus erheblichen Schaden auch in den Familien anrichtet dürfe sich von selbst erklären. Dort ist der Respekt vor dem (liebenden) Anderen schon seit Jahren unter die Räder gekommen. Jede noch so abgründige Gemeinheit findet jenseits der Öffentlichkeit ihren Platz und beendet nicht selten eine hoffnungsvoll begonnene Partnerschaft eben nicht in aller Stille, sondern mit viel Krawall. Denn leider kann man Mama-Chef oder Papa-Chef nicht einfach entlassen. Wer als Berater, Coach oder Therapeut schon mal zwischen einem Paar gesessen hat, bei dem einer oder beide das „Ich, Ich, Ich“ vor sich herschieben wie einen Panzer, der weiß, wie es sich anfühlt, wenn es ganz und gar ungemütlich und bedrohlich wird, und wenn sich das „Gespräch“ jenseits aller Steuerungs- und Einflussmöglichkeiten festdreht wie ein stumpfer Bohrkopf im Beton.

„Kulturnah“ ist nicht Kultur, sonder nur nahe dran. Und jenseits von Kultur ist „kulturnah“ eben Barbarei. Wer angreift, unterbricht und nichts mehr hört hat dann nur auf seine Weise recht. In diesem Sinne sind auch die kultiviertesten Narzissten Barbaren, denen man weder Führung noch Verantwortung übertragen sollte, obwohl der ausgebuffte Narzisst genau danach giert, weil er nichts anderes hat als Lust an der falsch verstandenen Macht.

„Nur der Demütige darf herrschen“, sagt Konfuzius. Der Vorschlag ist dieser:

  • Den Opfern des Narzissmuss erklären und ihnen beibringen, wie sie mit einem Narzissten umgehen, ohne unterzugehen.
  • Eine Kultur erschaffen und ein Leitbild formulieren, das den Narzissmuss erschwert.
  • Werte, die Gemeinwohl, Solidarität, Loyalität und Respekt stärken.
  • Den Narzissten die Karriere erschweren, am besten verhindern.
  • Ein Bewusstsein für „Narzissmuss und seine Opfer“ fördern, privat und im Unternehmen.

Wir Berater, Coaches und Therapeuten sind gefordert, mehr denn je. Aber solange wir nicht selbst zu den Narzissten gehören können wir einen guten Beitrag leisten, der um sich greifenden uferlosen Gier nach Egomanie, dem Empathiemangel und der Entwertung anderer etwas entgegen zu setzen. Der Kampf ist hart, nervenaufreibend und aussichtslos. Worauf warten wir noch?

Dieser Beitrag wurde unter Beratung, Coaching, Führung, Homepage, Kultur, Managementberatung, Narzissmus, Werte abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.