Neues zum Thema Training und Beratung: Frischer Wein in alten Schläuchen?

Seit über 20 Jahren bin ich Berater, erst im Marketing, danach für die Management-Etagen. Seit fünfzehn Jahren arbeite ich zusätzlich als Führungskräfte-Coach, auch mit Teamleitern, Abteilungsleitern, Bereichsleitern, Direktoren, Geschäftsführern, Vorständen und Unternehmern. Und siehe da: Neuerdings spreche ich über das Alte als wäre es das Neue. Jawohl, die alten Themen kommen zurück. Hier sind ein paar von ihnen, der Reihe nach:

  • Keine Sitzung (Meeting) ohne solide Vorbereitung aller Teilnehmer.
  • Keine Sitzung ohne Protokoll, denn kein Protokoll heißt, die Sitzung hat nie stattgefunden.
  • Keine Sitzung ohne verbindlichen Anschlusstermin und ohne definierte Aufgabenklärung für alle Beteiligten.
  • Keine Sitzung ohne verbindliche Verabredungen der „next steps“.
  • Keine Sitzung ohne nach Lösungen zu suchen, statt endlos Probleme zu reiten.

Und so weiter. Viele langweilige alte Hüte? Leider nicht (mehr). Sie sind wieder da, die „Probleme“ von damals. Als hätte es uns Berater und Coaches nicht gegeben. Und ich spreche nicht von kleinen Handwerksbetrieben, in denen nie ein Berater aufgetaucht ist, sondern von Konzernen, die zu besuchen und zu beraten ich das Vergnügen habe. Ja, es macht noch immer viel Spaß. Und das ist ein Wunder.

Der Anlass meines Beitrages hat einen konkreten Hintergrund. Da sagt mir ein süddeutscher Bereichsleiter auf meine Nebenbeifrage (deren Antwort ich nicht wirklich abwarten wollte, weil sie mir klar zu sein schien), es gäbe hier (dort im Konzern) nur wenige, die gut vorbereitet in Sitzungen gingen, und Protokolle werden vielleicht noch geschrieben, aber fast nie gelesen, und man redet viel lieber über das, was nicht gelingt oder nicht gelungen ist, als darüber, welche Ideen und Lösungsvorschläge vorhanden wären.

Das hat dann selbst mir die Sprache verschlagen, denn damit, also mit dem Notstand wieder an der Fußleiste, hatte ich wirklich nicht gerechnet. Rückfall in die 80er Jahre; nichts mit „Change Management von unten“, der „selbstlernenden Organisation“, dem „verantwortlichen Entrepreneuer“ usw. Ich war erschüttert, denn wir, die Besserwisser, sollten uns fragen, ob wir versagt haben. Und wenn ja, was wir anders machen müssen.

Es gibt auch gute Beispiele. Vielleicht hatte ich diesmal nur Pech mit „meinem“ Unternehmen, denn anderswo existieren die aufgeklärten und geklärten Leistungsträger, die ich auch kenne, und die Nicht-Kuscher, die ihrem Vorgesetzten schon mal sagen, dass er seinen Job verändern muss. Damit meine ich nicht die ewigen Stuhlbeineabschrauber, die, um beim Direktor aufzufallen, den Hals länger machen, als er ist, und die ihrem direkten Vorgesetzten das Leben schwermachen. Ich denke auch nicht an jene Führungskräfte, die sich auf Kosten ihrer Mitarbeiter profilieren. Das alles gibt es noch. Oder wieder. Hier würde manch ein Kollege nüchtern gelangweilt erwähnen, „es ist systemimmanent, das liegt am Kapitalismus, der schürt die Angst und nährt sich von ihr“, aber dieser Auffassung bin ich nicht, weil dasselbe System andere und gute Verhaltensweisen eben auch zulässt.

Was ich meine: Es ist die Bewusstlosigkeit inmitten des alltäglichen Beschleunigungsdrucks, der Reflexionen und weise oder auch nur vernünftige und nachvollziehbare Entscheidungen verhindert, mindestens erschwert. „Sie wissen es nicht, aber sie tun es.“ An erster Stelle steht immer wieder das kleine, kranke egozentrische ICH. Dieses Bollwerk der Bestandsverteidigung haben wir Berater und Coaches gern auch schon mal übersehen. Und (oder aber): Konzerne leben nicht durch engagierte Mitarbeiter allein, sondern durch ihre Strukturen, Prozesse, die erst dann gut organisiert sind, wenn die Menschen diese Prozesse unabhängig von ihrer Lust oder Unlust leben, sprich umsetzen. Das geht aber nur dann wenn ihnen, den Mitarbeitern, erklärt wird, warum etwas so werden soll wie es werden soll. Und dazu müssen sie vorbereitet werden, gut präparierte Meetings mitmachen, den Wert von Protokollen schätzen lernen, Themen nachbereiten und verstehen können, Vereinbarungen beschließen und Verbindlichkeiten eingehen.

Nun dürfen wir, die Besserwisser, also von vorn anfangen. Neue Ideen braucht das Land. Schon wieder. Manchmal sind die neuen Ideen die alten. Was Hänschen nicht gelernt hat lernt Hans mit Vergnügen. Wenn man ihm erklärt, wozu das gut ist.

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